Gewinner Reportagepreis 2013

Jules Samlan, 48, lebt in zwei Welten. In der einen wäscht er Teller, in der anderen herrscht er über sein Volk. Die Untertanen leben in Togo, er wohnt in einem Weiler in Oberbayern. Samlan regiert aus der Ferne – mit Hilfe einer Telefonkarte.

Der König vom Schweinsbräu

von Patrick Wehner

Neulich bekam Jules Samlan wieder einen dieser Anrufe. Mitten in der Nacht läutete sein Telefon in Herrmannsdorf. Ein aufgeregter Mann aus Afrika war dran. Er war stinksauer. Sein Vermieter habe ihm die Haustür ausgebaut, schimpfte er. Samlan kennt das schon: „Der Mann konnte die Miete nicht bezahlen und brauchte Geld“, sagt er mit seiner tiefen, beruhigenden Stimme. Dann lacht er.

Jules Samlan, 48, Schnauzer, kleiner Bauch, orange Toga, sitzt auf einem Wipp-Sessel in seiner kleinen Dachgeschosswohnung. Seit zwei Jahren geht das jetzt so mit den Anrufen. Ärger mit Hochzeiten, Ärger mit Scheidungen, Ärger mit Nachbarn. Immer wählen sie Samlans Nummer in Herrmannsdorf. Seit damals, als sein Vater starb und sie Samlan zum König gemacht haben. Zum König eines Volks von 40 000 Menschen in Togo. Zum König, der sich auch um ausgebaute Haustüren kümmert. Er überwies dem Mann die Miete.

Samlan lehnt sich in seinem Sessel zurück. An den Wänden hängen Bilder, die er selbst gemalt hat, im Fernseher laufen afrikanische Musikvideos. Es riecht nach gebratenem Schweinefleisch. Manuela Samlan, 57, rote Toga, blonde Haare, kocht. Sie steht ein paar Meter weiter in der offenen Küche, zieht an ihrer Zigarette. Die beiden sind seit 15 Jahren ein Paar, aber bis vor zwei Jahren wusste Manuela Samlan nichts von der königlichen Herkunft ihres Mannes.

Der König stand eben noch selbst in einer Küche. Acht Stunden lang, im „Herrmannsdorfer Schweinsbräu“, einem bayerischen Wirtshaus bei Glonn im Kreis Ebersberg. Jules Kangni Kossigan Samlan, der Monarch, wäscht dort Geschirr. Seit 13 Jahren. Draußen an den Tischen servieren sie Koteletts vom Schwäbisch-Hällischen Schwein mit Karotten und Kartoffelstampf. Drinnen spült Samlan Teller, stellt sie ins Regal. Wenn Servietten aus sind, holt er neue. Spülküchen-Alltag. Nicht schlimm, nicht gut. 7,50 Euro die Stunde. Es macht ihm nichts aus, den Dreck wegzumachen. „Es ist eine ehrliche Arbeit“, sagt er.

Jetzt hat der König Feierabend, er ist müde, schlägt die Beine übereinander. An seinen Füßen baumeln Flip-Flops. Goldene Flip-Flops. „Die werden speziell für mich gemacht“, sagt Samlan und lacht. Eigentlich kichert er. Ein „Hihi“, dem ein kurzer Seufzer folgt. Die Sohlen haben ihm seine Untertanen aus alten Autoreifen gebastelt – auch ein König braucht Schuhe, die eine Zeit lang halten. Seine Frau Manuela, eine gebürtige Berlinerin, hat sie ihm vor zwei Jahren aus Togo mitgebracht. Jules Samlan war seit fast 20 Jahren nicht mehr dort. „Zu gefährlich“, sagt Manuela Samlan und schüttelt den Kopf.

Deshalb wurde nicht er vor zwei Jahren gekrönt, sondern sie. Neben einer Puppe aus Stroh, die ihren Mann darstellte. Drei Tage lang musste sie irgendwo in Togo auf dem Boden sitzen, durfte nichts essen, nichts trinken. Ein Würde-Test für die Weiße aus Deutschland. Am Ende bekam sie Ziegen, Hühner und Schafe geschenkt. Manuela Samlan, seit 30 Jahren Vegetarierin, gab die Tiere dem Waisenhaus.

Sie sagt: „Wenn mein Mann in Togo aus dem Flugzeug steigen würde, würden sie ihn beiseiteschaffen.“ In den 90er-Jahren kämpfte Jules Samlan in Togo gegen den Diktator, General Eyadéma, ein alter Duzfreund von Franz Josef Strauß. Eyadémas Sohn regiert noch heute das Land. Und noch heute verschwinden dort Menschen in Gefängnissen.

Samlan studierte Kunst in der Hauptstadt Lomé. In den Nächten diskutierten er und seine Freunde über Eyadémas Diktatur. Mit Politik ist Samlan aufgewachsen. SeinVater hatte in den 60er-Jahren das Dorf Vogan südlich von Lomé aufgebaut. Darum krönte ihn das Volk der Mina-Ewe zu ihrem König. Nun, Jahre später, organisierte sein Sohn Samlan Demos, es ging um Wahlbetrug. Bei einem der Proteste, am 25. Januar 1993, trugen die Demonstranten weiße T-Shirts und Kerzen. Die Soldaten trugen weiße T-Shirts und Maschinenpistolen. Sie schossen in die Menge und töteten 19 Menschen. Eine der Kugeln traf Samlans Schwester, sie starb. Er selber kam ins Gefängnis. Für drei Jahre. Noch heute, fast 20 Jahre später in Herrmannsdorf, wacht der König mitten in der Nacht auf. Verschwitzt, voller Grauen.

1996 besorgten ihm seine Freunde einen gefälschten Pass und ein Flugticket. Ein Freund heißt Gilchrist Olympio, sein Vater war der erste Präsident Togos nach der Unabhängigkeit 1960. Und der erste Präsident in Afrika, der im Amt ermordet wurde. Samlans Geschwister blieben in Togo, änderten ihre Namen und tauchten unter.

Der König selber landete in Oberbayern. Suchte Arbeit, fand sie in der Spülküche. Und eine neue Heimat dazu. Auch wenn die Leute im Dorf manchmal komisch schauen, wenn er und seine Frau in der Toga beim Bäcker Brezn holen. Aber eigentlich ist Herrmannsdorf eine Oase. Ein Ort, den es in Bayern gar nicht gibt. Er besteht im Grunde aus einem großen Öko-Bauernhof, den der einstige Wurst-Baron und „Herta“-Besitzer Karl Ludwig Schweisfurth in den 80er-Jahren gekauft hat. Ein Idyll mit Kühen, deren Hörner nicht gestutzt werden. Mit beinahe ausgestorbenen Schweinerassen. Mit Pädagogen aus Freiburg, die sich um schwierige Jugendliche kümmern. Und mit einem König aus Togo, der heuer beim Fasching auf dem Münchner Stachus den Preis für das beste Kostüm gewonnen hat. Er und seine Frau Manuela gingen als Hühnchen. Herrmannsdorf ist ein vogelwildes Paradies. 

Zwischen dem Haus Herrmannsdorf 6a und Kpehenon Nummer 2, dem Regierungssitz in Lomé, liegen Österreich, Italien, das Mittelmeer, Algerien und Niger – 6378 Kilometer. Doch für die Samlans ist Togo auch immer hier in Herrmannsdorf. Das liegt nicht nur an den Regentänzen, die Samlan hinten auf der Wiese zelebriert. Oder am Verein, den sie gegründet haben, um gespendete Kleidung und Werkzeug nach Togo zu schicken. Sondern eben auch an den nächtlichen Anrufen.

In Togo vertrauen Samlans Leute den Behörden nicht. „Es gibt schon Staatsanwälte und Gerichte, aber da geht halt keiner hin“, sagt Jules Samlan. Entweder die Leute regeln ihre Dinge unter sich. Oder sie rufen ihn in Herrmannsdorf an. Die Uhrzeit spielt keine Rolle. Mittlerweile ruft meist Samlans Sprecher an. Aber erst, wenn die Schreiberin das Problem notiert hat. Und die drei Ältesten darüber beraten haben. Des Königs Hofstab. „Die Schreiberin war früher Beschneiderin“, sagt Manuela Samlan. Schreiberin. Beschneiderin. Wörter, bei denen die Zeit kurz stehen bleibt. Jules Samlan verschränkt die Arme. „Wir wollten, dass sie aufhört, Mädchen zu beschneiden“, sagt er. Sie boten ihr einen Posten an, der in Togo angesehener ist. Die Frau stellte trotzdem noch eine Forderung. „Sie wollte einen Hut“, sagt Manuela Samlan. Sie grinst, es war nicht zu fassen. Damit konnte jeder sehen, dass sie nun eine höhere Stellung hat. Die Frau bekam ihren Hut.

Jules Samlan öffnet ein Flasche Palmenschnaps. Die hat er geschenkt bekommen. „Eigentlich ist es Tradition, dem König eine Flasche Whiskey zu überreichen, wenn man mit einem Anliegen zu ihm kommt“, sagt er. Palmenschnaps geht auch. Samlan nimmt drei Gläser. Für seine Frau, für ihn – und für Papa. Papa hängt drüben an einer Wand. Das Porträt eines alten Mannes. Samlan senior. Der alte König lacht. Jules Samlan hat das Bild gemalt. Hin und wieder verkauft er eines seiner Werke, dieses hier wird er niemals hergeben. Er stellt ein Glas Palmenschnaps davor. Auch so eine Tradition. König und Königin trinken. Dann stellt Jules Samlan das Glas auf den Tisch und gähnt. Er will ins Bett. Heute kann er eh nicht mehr regieren. Seine Telefonkarte ist leer.

Samlan und sein Sprecher haben einen Deal: Togo klingelt an, Herrmannsdorf ruft zurück. „Das ist billiger“, sagt Samlan. Er benutzt dafür eine Telefonkarte. Ohne Karte keine Regierung. Am nächsten Tag schlendern deshalb er und seine Frau über den Münchner Marienplatz Richtung Hauptbahnhof. Eine Stunde sind sie gerade mit Bus und S-Bahn in die Stadt gefahren. Beide tragen eine knöchellange Toga, er in Rot, sie in Gelb. In einem Laden unterhalb des Hauptbahnhofs gibt es Telefonkarten für Afrika. Das kleine Geschäft besteht aus einer Theke, einem braunen Teppich und ein paar Telefonkabinen. Samlan geht rein, seine Frau wartet draußen.

Ein alter Mann mit Jackett und Nadelstreifenhose sieht ihm kurz ins Gesicht – dann wirft er sich auf den Boden. Seine Knie, seine Unterarme und seine Stirn berühren den staubigen Teppich. Dann raunt er kurz, als hätte er etwas Wichtiges vergessen. Ohne aufzublicken, greift er nach dem Hut auf seinem Kopf und stellt ihn vor sich hin. So gehört sich das. Der Mann heißt Kuna, einer von Samlans Untertanen. Etwa 200 Menschen seines Volks leben hier in der Stadt. Hier, wo es viel Arbeit gibt und wo sie nicht einen Tag lang gehen müssen, wenn sie den König anrufen wollen. Immer wieder trifft er sein Volk. In der S-Bahn, im Supermarkt, auf der Straße.

Jules Samlan geht auf Kuna zu und bittet ihn aufzustehen. Sie umarmen sich. Kuna setzt sich den Hut wieder auf, klopft den Staub vom Anzug. Beginnt zu erzählen, zeigt immer wieder auf seine leeren Hosentaschen. Sie sprechen Minna, eine von 148 Sprachen in Togo. Der König schüttelt Kunas Hand und steckt ihm fünf Euro zu. So, dass es keiner sieht. „Er hat gesagt, sein Lohn müsste eigentlich schon auf dem Konto sein“, erzählt Samlan später.

Dann fährt der König wieder zurück nach Herrmannsdorf, in sein Exil mit Alpenblick, die Telefonkarte in der Tasche. Jetzt kann er wieder zurückrufen, wenn in der Nacht sein Telefon klingelt. Wenn sie in Togo wieder streiten. Und vielleicht ist ja mal einer dran, der sagt, dass der König wieder heim darf.

 

 

 

Jules Samlan (rechts) mit Küchenchef Thomas Thielemann ist Spüler im Gasthof "Schweinsbräu".